Ich habe St. Gallen zum ersten Mal besucht, als ich noch keine Ahnung hatte, dass ich eines Tages in die Schweiz ziehen würde. Schon damals haben mich die verwinkelten Gassen der Altstadt, die mittelalterlichen Häuser mit ihren bunten Fachwerkfassaden und die majestätische Kathedrale, deren Barockstil in der Schweiz eine absolute Ausnahme darstellt, in ihren Bann gezogen.
Bei meinem Besuch hatte ich nur Zeit, die Fresken in der Kathedrale zu bewundern – erst in diesem Frühling führte mich meine Freundin Šárka, die alle Sehenswürdigkeiten dieser Altstadt wie ihre Westentasche kennt, ausführlich durch den gesamten Klosterkomplex. War ich damals schon beeindruckt, so blieb mir diesmal wirklich die Spucke weg, als ich den historischen Saal der Bibliothek betrat, der mehr als 170.000 Bände beherbergt. Aber der Reihe nach…
St. Gallen
Die Stadt liegt in einer hügeligen Landschaft zwischen den Gipfeln der Appenzeller Alpen und dem Bodensee. Ihre Geschichte ist eng mit der religiösen Gemeinschaft verbunden, die sich um den „Kult“ eines irischen Mönchs namens Gallus bildete, der hier eine Einsiedelei errichtete. Sein Nachfolger Otmar errichtete um die ursprüngliche Zelle des Gallus herum eine Klostergemeinschaft und eine Schule für Schreiber und Übersetzer. Der grösste Stolz und Anziehungspunkt von St. Gallen ist die prächtige Barockabtei, die zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört.


Anreise nach St. Gallen
St. Gallen liegt im Nordosten der Schweiz, unweit der Autobahnausfahrt A1. Wenn du die Innenstadt erkunden möchtest, parke am Cityparking Bahnhof (Lagerstrasse, 9000 St. Gallen).
Der Bahnhof St. Gallen Hauptbahnhof ist nur wenige Gehminuten vom historischen Zentrum und dem Stiftsbezirk entfernt. Direkte Zugverbindungen gibt es sowohl von Bern (2 Stunden 20 Minuten) als auch von Zürich (ca. 1 Stunde).
Übrigens: Wenn man am Bahnhof aussteigt und durch die Ausgangshalle geht, fällt einem eine interessante Installation ins Auge. Es handelt sich um eine sogenannte Binär-Uhr. Dabei handelt es sich um eine Lichtinstallation in Form von Kreisen, Kreuzen und Quadraten, die die Zeit in Binärcode anstelle von klassischen Zeigern anzeigt. Wie ich herausgefunden habe, zeigt die obere Reihe (Kreise „O”) die Stunden, die mittlere Reihe („X”) die Minuten und die untere Reihe („□”) die Sekunden an. Jedes Symbol entspricht einem Wert (1, 2, 4, 8, 16, 32).

Stiftskirche St. Gallen
Diese Barockkathedrale mit ihren zwei charakteristischen Türmen wurde 1767 nach den Entwürfen des Architekten Peter Thumb fertiggestellt. Der Zugang erfolgt über den Eingang an der Gallusstrasse. Der Eintritt ist frei. Das Innere der Kathedrale besteht aus einer riesigen Basilika mit einem breiten Kirchenschiff und einer zentralen Kuppel. Die Decken sind mit prächtigen Fresken von Josef Wannenmacher verziert. Das gesamte beeindruckende Interieur ist reich, ja sogar kitschig dekoriert, genau wie es im Barock üblich war. Reich verzierte Beichtstühle und eine Kanzel, ein Hauptaltar, der mit Marmorsäulen mit Goldverzierungen gesäumt ist… Ihre Augen werden gar nicht wissen, wo sie zuerst hinschauen sollen.



Stiftsbibliothek: 170.000 Bücher und eine Mumie
Die Stiftsbibliothek, eine der ältesten Bibliotheken Europas, befindet sich im selben Gebäudekomplex wie die Kathedrale. Sie wurde im 9. Jahrhundert von Abt Gozbert gegründet und umfasst heute über 170.000 Bücher.
Es gibt ein Kombiticket, das den Eintritt in die Bibliothek, die Gewölbekeller und die Ausstellungshalle (Archiv) beinhaltet. Erwachsene zahlen 18 CHF, Studenten 12 CHF.
Es gibt einen „Familien Rätselspass” für 25 CHF. Im Flur vor der Kasse und dem Souvenirshop befinden sich Schliessfächer, in denen man seine Sachen deponieren kann.


Bevor man die Bibliothek betritt, muss man Filzpantoffeln anziehen, damit die Schuhsohlen den Parkettboden nicht beschädigen. Dann kann man die Bibliothek betreten, die eine Sammlung seltener und einzigartiger Manuskripte und mittelalterlicher Bücher beherbergt.

Auch hier findet man Deckenfresken von Josef Wannenmacher. Darüber hinaus ist das reichhaltige barocke Interieur mit Rokoko-Elementen überlagert. Die Bücher stehen in Regalen, die alle Wände vom Boden bis zur Decke säumen. Interessanterweise gibt es in St. Gallen mehr irische Manuskripte als in Dublin selbst. Im hinteren Teil der Bibliothek befindet sich eine altägyptische Mumie aus dem Jahr 700 v. Chr., die dem Bürgermeister von St. Gallen zu Beginn des 19. Jahrhunderts geschenkt wurde. Da er nicht wusste, was er damit anfangen sollte, schenkte er sie der Bibliothek, wo sie bis heute aufbewahrt wird (aus Respekt ist das Fotografieren nicht erlaubt).



Das Highlight für jeden Kartografie-Fan ist ein Globus aus dem Jahr 1576, der die damaligen Vorstellungen von der Erde und dem Universum darstellt. Dieser Globus ist eine Replik des Originals, das nach dem sogenannten „Kulturgüterstreit“ (1996–2006) zwischen Zürich und St. Gallen geschaffen wurde.


Die Barockbibliothek ist nicht nur schön anzusehen – sie ist Teil eines umfassenderen Klostergebäudes, zu dem einst auch eine Schule, ein Krankenhaus und ein Klosterarchiv gehörten. Heute wird es von der Bibliothek und einer weiterführenden Schule gemeinsam genutzt.
Gewölbekeller des Klosters
Nach dem Besuch der Bibliothek geht es zwei Stockwerke tiefer in die Gewölbekeller des Klosters, wo weitere Schätze auf die Besucher warten. In den Gewölbekellern sind nicht nur Originale, sondern auch digital aufbereitete Exponate wie interaktive Buchmodelle und historische Tafeln zu sehen. Ein faszinierender Kontrast – eine multimediale Ausstellung in einem mittelalterlichen Keller.



Neben den Überresten des ursprünglichen Mauerwerks gibt es auch das sogenannte Evangelium Longum, ein Buch aus dem 9. Jahrhundert, das Karl der Grosse während seiner Krönung in Rom (800 n. Chr.) in Auftrag gegeben hatte. Das Evangelium ist nicht nur wegen seines Inhalts von unschätzbarem Wert, sondern auch, weil es aus einem einzigen Stück Elfenbein geschnitzt ist.


Ein weiteres faszinierendes Exponat ist ein Modell der Kathedrale aus dem Jahr 1751, aus Holz und Gips, das von einem der Mönche angefertigt wurde. Das Modell besteht aus 11 Teilen, die zerlegt und ausgestellt werden konnten und ähnlich wie heutige 3D-Visualisierungen dazu dienten, die Gestaltung des Gebäudes zu vermitteln.



Stiftsarchiv
Nach einem köstlichen Mittagessen (siehe unten) besuchten Šárka und ich das Archiv. Es gehört zum Klosterkomplex und enthält Dokumente aus dem 8. Jahrhundert bis zur Auflösung des Klosters im Jahr 1805. Es ist eines der ältesten und am besten erhaltenen Archive nördlich der Alpen.





Die Hauptattraktion ist der St. Galler Klosterplan, der im Jahr 825 erstellt wurde. Er misst etwa 112 × 77,5 cm und ist auf fünf miteinander vernähte Pergamentstücke gemalt. Es handelt sich jedoch nicht um einen Plan des Klosters in St. Gallen, wie der Name vermuten lässt, sondern um ein Idealmodell eines Benediktinerklosters: einen Plan der Gebäude, der Kirche, der Wirtschaftsgebäude, der Mönchshäuser, der Werkstätten, der Ställe, der Gärten und aller Betriebsbereiche – einschließlich der spezifischen Organisation des gesamten Komplexes. Zunächst sehen Sie eine kurze Multimedia-Präsentation darüber, wie Klöster früher funktionierten, und dann wird für etwa 10 bis 15 Sekunden das Originalpergament herausgenommen, damit Sie es sehen können. Der Grund dafür ist einfach: Schutz – Pergament und Tinte sind sehr lichtempfindlich.


Wo kann man gut essen oder ein Dessert genießen?
Wie bereits erwähnt, haben wir, um uns nicht mit zu viel Geschichte auf einmal zu überfordern, eine Mittagspause im Wirtschaft zur Alten Post eingelegt. Eine Besonderheit der Restaurants im Herzen von St. Gallen ist, dass sie sich in den oberen Stockwerken alter Stadthäuser befinden. Dieses beispielsweise stammt aus dem Jahr 1552. Zum Dessert gingen wir in ein weiteres traditionelles Restaurant der Stadt: das Bäumli.



Zusammenfassung
Für die Besichtigung von St. Gallen solltet ihr euch einen ganzen Tag Zeit nehmen. Neben der Bibliothek, der Kathedrale und den Schätzen des Archivs könnt ihr bei schönem Wetter mit der lokalen Mühleggbahn zu den Drei Weieren fahren, von wo aus ihr einen wunderschönen Blick auf die Stadt habt – und im Sommer könnt ihr dort sogar schwimmen gehen. Wenn das Wetter nicht so gut ist, sollte man das Textilmuseum besuchen, das die berühmte Tradition der lokalen Stickerei und Stoffherstellung präsentiert. Wusstet ihr übrigens, dass die Stickerei bis 1913 die größte Exportindustrie der Schweiz war und St. Gallen allein die Hälfte der weltweiten Produktion von bestickten Textilien lieferte?
















